kulturelle Resilienz

In den letzten zehn Jahren wurde die kulturelle Kompetenz in allen Bereichen professioneller Dienstleistungen und Interaktionen sowohl auf lokaler als auch auf globaler Ebene stark gefördert und betont (z.B. kulturelles Bewusstsein, interkulturelle Fähigkeiten und multikulturelle Sensibilität). An dieser Stelle kann man betonen, dass wir die kulturellen Grundlagen und Ressourcen der Resilienz gleichermaßen fördern können, um den hohen Tendenzen individualistischer Lebensweise und sozialer Diskonnektivität (d.h. der Entfernung aus dem lebenswichtigen kulturellen Kontext, der eigenen Sphäre und dem reichen Erbe) entgegenzuwirken. Dem entgegen muss auch konstatiert werden, dass die Globalisierung diese Diskonnektivität durch den Zugang zum Internet stark verringert. Die Tendenzen der Vernetzung werden zunehmend charakteristisch für unseren urbanen, industrialisierten und digitalen Lebensstil.

Ungar (2007) identifizierte mehrere Aspekte der Resilienz, die in vielen verschiedenen Kulturen anzutreffen sind, wobei jede von der anderen abhängig ist: Zugang zu wichtigen anderen, unterstützenden Beziehungen und materiellen Ressourcen in der unmittelbaren Gemeinschaft; Entwicklung einer wünschenswerten persönlichen Identität, eines kollektiven Sinns für Ziele und Bestrebungen sowie religiös-spiritueller Überzeugungen; Ausübung der Kontrolle im Kontext und die Fähigkeit, positive Veränderungen herbeizuführen; Erfahrung mit sozialer Gerechtigkeit und menschlicher Gleichheit; Festhalten an kulturellen Traditionen, globalen Werten und Praktiken; ein Gefühl des Zusammenhalts mit anderen zum Wohle der Allgemeinheit und das Gefühl, Teil von etwas Größerem als dem Leben zu sein. Auch wenn diese Aspekte in den postmodernen Gesellschaften nicht als selbstverständlich gelten, ist eine Tendenz in Richtung dieser Aspekte zu beobachten. Die starke Globalisierung produziert möglicherweise in diesem Sinne gewisse Unsicherheiten.

Individuelle Resilienz einerseits, könnte auch die Gemeinschaft als Kulturvermittler und Reserve neu zu erfinden und wiederherzustellen sein und die Widerstandsfähigkeit als kulturelle Funktion und kulturelles Phänomen neu zu beleben und zu rekontextualisieren.

Es gibt neokonservative Stimmen wie Francis Fukuyama, der sehr offensive Haltung einnimmt. Folgende Aussage verdeutlicht seine grundlegende Haltung, wenn es um Zuwanderer und ihre Kulturen geht;

„Public policies that focus on the successful assimilation of foreigners might help take the wind out of the sails of the current populist upsurge both in Europe and in the United States“ (Fukuyama, S.207).

Diese Vorschläge könnten im Rahmen vieler Unsicherheiten von Nationalstaaten in ihr Agenda aufgenommen werden. Dies würde kleinere Gruppen unter kulturellen Druck setzen, woraus größerer Bedarf für kulturelle Resilienz entstehen würde.

Insbesondere kleinere Gruppen, deren Kulturen vom Aussterben bedroht sind, würden mit aller Kraft versuchen dem entgegenzuwirken. Einzelne Individuen, die -aus welchen Gründen auch immer- ihre kulturelle Heimat verlassen haben, würden auf eine oder andere Weise versuchen, ihre kulturelle Identität einigermaßen aufrechtzuerhalten. Das Verlangen nach einer Leitkultur, die die Homogenität innerhalb eines Nationalstaates gewährleisten soll, wird vermutlich noch einige Gemüter erhitzen. Viele Individuen und Gruppen sind oft mit einer solchen Situation überfordert.

Der Begriff „Kulturelle Resilienz“ wird im politischen Diskurs überwiegend von Rechten oder Konservativen gebraucht. Diese Gruppen sehen ihre Kultur als gefährdet, da die Migrationsströme zum Beispiel viele Muslime nach Europa bringen, die ebenfalls eine Islamisierung des Abendlandes herbeiführen sollen. Ob ihre Wahrnehmung nun durch Tatsachen begründet sind oder nicht, es existieren Gruppen, die die Existenz ihrer Kultur gefährdet sehen. Eine Sensibilisierung im kulturellen Sinne und die Steigerung der kulturellen Resilienz, könnte auch politische Probleme lösen.

Wer Robustheit nur als Härte versteht und die Resilienz nur in dieser Hinsicht zu stärken versucht, wird schnell merken, dass er eine Konfrontation vorbereitet. Wer Resilienz versteht, würde sich niemals auf die Härte eines Schwertes verlassen. Aus diesem Grunde schaden sich die Ansätze, die konservativer zu sein Versuchen als sie schon sind. Ähnliche Beispiele kann ich auch aus meiner Verwandtschaft geben, deren Großeltern als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Enkelkinder sprechen genauso Türkisch, wie ihre Großeltern, die keine Schule besucht haben und nur mit Dialekt oder eingeschränkt die Sprache beherrschen. Währenddessen sprechen die Kinder aus der Generation der Enkelkinder im Dorf der Großeltern eine viel kultiviertere Sprache. Der Umstand oder die Wahrnehmung, dass etwas stärker konserviert werden musste, hält auch von einer gesunden Entwicklung ab. So ist zumindest meine Beobachtung. Wer Kultur als ein Prozess versteht, würde diesen Prozess lenken und beherrschen können.

Ein förderlicher Ansatz wurde von Thomas Bauer entwickelt. Dieser lautet „kulturelle Ambiguität“, welcher nicht nur als sprachliches Handeln sondern auch als kulturelles Handeln verstanden werden kann. Jedes kulturelle Handeln sei also zwangsläufig ambiguitätshaltig. Die Kultur als die Summe solcher Handlungen ist demnach ein höchst ambiguitätsträchtiges Phänomen (Bauer, 2011, S.17). Diese Kompetenz im Zusammenhang mit der Resilienz heißt Ambiguitätstoleranz. Hierbei geht es darum, inwiefern Kulturen (Kollektive und Individuelle) gegenüber Ambiguität tolerant sind und dies zulassen. Bauer definiert  die kulturelle Ambiguität wie folgt:

„Ein Phänomen kultureller Ambiguität liegt vor, wenn über einen längeren Zeitraum hinweg einem Begriff, einer Handlungsweise oder einem Objekt gleichzeitig zwei gegensätzliche oder mindestens zwei konkurrierende, deutlich voneinander abweichende Bedeutungen zugeordnet sind, wenn eine soziale Gruppe Normen und Sinnzuweisungen für einzelne Lebensbereiche gleichzeitig aus gegensätzlichen oder stark voneinander abweichenden Diskursen bezieht oder wenn gleichzeitig innerhalb einer Gruppe unterschiedliche Deutungen eines Phänomens akzeptiert werden, wobei keine dieser Deutungen ausschließliche Geltung beanspruchen kann.” (Bauer, 2011, S,27)

Die kulturelle Ambiguität bedeutet nicht notwendigerweise Norm und Abweichung, sondern dass zwei konkurrierende Paradigmen gleichzeitig nebeneinander gelten, und inwieweit in einem breiten Spektrum der jeweiligen Gesellschaft darüber Konsens besteht. Die große Mehrheit sollte also beide Möglichkeiten akzeptieren, sodass wir von der Ambiguitätstoleranz sprechen können. Ferner meint Toleranz in diesem Zusammenhang nicht die soziale Toleranz, also nicht die Situation der Eindeutigkeit oder klare Unterscheidungen (Z.B. über Sexualität, Herkunft, Religion), die eine klare Position postulieren und dadurch zu einer klaren Abgrenzung zwischen dem Eigenen und dem Anderen führen. Die Ambiguitätstoleranz bezieht sich vielmehr auf den Umgang und die Reaktionen, wenn gegenüber mehreren Möglichkeiten ein indifferentes Verhalten zugrunde gelegt wird (Bauer, 2011, S.29).

Selbstverständlich ist es von Individuen oder Gemeinschaften nicht zu erwarten, alle Verschiedenheiten zu nivellieren oder als gleichgültig zu akzeptieren. Dennoch kann die Haltung, gleichwertige, vertretbare und akzeptable Optionen anzuerkennen, Der Drang nach einer globalen Vereinheitlichung oder Standardisierung steht oft einem rückwärtsgewandten Konservatismus entgegen, weil manche Kulturen immer weniger Ambiguitätstoleranz haben und gewisse Ansichten als absolut geltende Paradigmata akzeptiert werden.

Letztendlich lässt sich sagen, dass eine harte und steife Haltung auch in kulturellen Belangen, nicht die erhofften Ergebnisse herbeiführen kann, denn Härte und Starre können eher mit dem Tod assoziiert werden, als mit dem Leben. Denn was lebendig ist und wächst, ist weicher und flexibler.