Jürgen Habermas und Charles Taylor

Angeregt durch die Aufklärung und die Differenzierung, relativiert sich der Einfluss der Religion. Ihre Rolle hatte mit der Reformation in der frühen Neuzeit für eine Weile stagniert, erreichte jedoch später eine eher regionale/territoriale Dimension und Einfluss. Im Gegensatz zur Religion gewinnen andere Phänomene mit der Säkularisierung an Bedeutung. Durch die Verweltlichung des öffentlichen Lebens, verschwindet die Religion zunehmend aus dem Alltag und die Bindungen der Menschen werden lockerer. Eine sehr zentrale Rolle spielt die Differenzierungslehre, die -wie erwähnt- allgemeine Phänomene, wie die Religion in ihre Schranken weist und mit anderen Systemen nivelliert. Die heutige Stellung der Religion ist nicht statisch und ist im permanenten Wandel.

Folgendes Zitat brachte mich auf die Idee zwei große Denker in dieser Hinsicht zu vergleichen: „Denn sowohl Habermas als auch Taylor eint die Überzeugung, dass die freiheitlichen Errungenschaften der Moderne auf Dauer nur mit der Religion und nicht gegen sie zu retten sind. Während Habermas hierfür ein ‚postsäkulares‘ Lernmodell zwischen Vernunft und Religion vorschlägt, setzt Taylor bei den vorbegrifflichen Sinnbedingungen unseres Daseins an, um bereits auf der Ebene der Selbst-Interpretation den Code des säkularen-atheistischen Vernunftdenkens zu entschlüsseln. Nichtsäkulare Übersetzbarkeit (Habermas), sondern die kosmopolitische Anerkennung von spiritueller Vielfalt ist Taylors Weg aus den Malaisen der Moderne. Die Aura des Säkularen- bei Taylor verweht.“

Habermas publizierte neulich ein zweibändiges Werk „Auch eine Geschichte der Philosophie“, welches im Schwerpunkt die abendländische Glaubensgeschichte beinhaltet. Dieses Bollwerk ist ein Hinweis dafür, dass die Religion noch zeitgenössisch ist und die abendländische Philosophie stark geprägt hat. Nicht umsonst widmet Habermas ein großes Kapitel an Thomas von Aquin. Noch kürzlich hatte ich die Streitschrift „Dialektik der Säkularisierung“ zwischen Habermas und Joseph Ratzinger und eine andere Streitschrift zwischen Kardinal Martini und Umberto Eco gelesen.

In vielen Thesen entdeckte ich Gemeinsamkeiten mit einem Denker aus einem religiösen Lager, der viele Gedankenansätze, die ich hatte, bereits in ihrer Fülle ausgeführt hat. Die Gegenüberstellung von Ideen, die sich dem Thema aus konträren Richtungen annähern, erweckte mein Interesse. Führen wirklich alle Wege nach Rom?

Taylor spricht in seinem Werk „Ein Säkulares Zeitalter“ von einem Haus mit drei Etagen der Säkularisierungstheorien. Im Keller steht die Beantwortung der Frage „Wie sind die Veränderungen zu erklären?“ im Vordergrund. Im Erdgeschoss steht die These, dass Religion und die religiöse Praxis zurück gegangen seien. Zudem sei der Einfluss der Kirche ein geringerer als zuvor. Im Obergeschoss steht die zentrale Frage: „Wo stehen wir heute?“. Der vorliegende Beitrag soll sich im Schwerpunkt mit dem Obergeschoss dieser Konstellation beschäftigen.

Habermas: Religion im postsäkularen Zeitalter

Jürgen Habermas erläutert den religiösen Wandel gestützt auf seine Theorie des kommunikativen Handelns, indem gesellschaftliche Aussagen das Individuum in seiner religiösen Orientierung prägen und das Individuum durch Religion mit der Gesellschaft kommunizieren kann. Die Thesen von Habermas bezüglich der Religion drehen sich meist um die Frage der Maßstäbe für die Gesellschaft. Durch ein vernünftiges Gespräch, anders gesagt durch die kommunikative Vernunft, kommt die Gesellschaft zu einem Konsens, wodurch auch politisches Handeln legitimiert wird. In dieser Weise soll die kommunikative Vernunft auch die Funktion der Religion erfüllen. Sie kann folglich ebenso eine individuelle Orientierung bieten.

Die postmoderne Entwicklung, in der die Säkularisierung im öffentlichen Raum überwunden wurde, bezeichnet Habermas als Postsäkularität. Die Rolle der Religion wurde relativiert, wodurch auch die religiösen Werte keine allgemeine Akzeptanz mehr hatten. Diese Sichtweise ist bei Habermas des Öfteren anzutreffen, die die Vorstellungen der Allgemeinheit für den gesellschaftlichen Konsens als wichtig erachtet. Dieser Ansatz stellt auch seine heutige Herangehensweise an die religiös-pluralistische Gesellschaft dar. Insbesondere der Vernunftbegriff, auf den sich Habermas ebenfalls beruft, wurde in der säkularisierten Gesellschaft vom religiösen Bereich getrennt. In seiner These der postsäkularen Gesellschaft reflektiert Habermas über die Symbiose der Religion und Vernunft im Hintergrund der religiösen Tendenzen der Gesellschaft. Die Religion beleibt demnach ein großes Potential und eine mögliche moralische Ausrichtung für die gesellschaftliche Ordnung.

Die Säkularisierung hat zwar eine Veränderung bezüglich der Wahrnehmung der Religion herbeigeführt, aber nicht notwendigerweise zu einem Bedeutungsverlust der Religion geführt hat. Glaube und Wissen prägen nach Habermas die Entstehungsgeschichte der Vernunft, sodass sie weiterhin als Vernunftpotential und Kulturreserve in der postmodernen Gesellschaft genutzt werden können. An anderen Stellen wird deutlich, dass Habermas der Religion eine größere Rolle beimisst.

Habermas fordert eine Übersetzung der religiösen Beiträge in eine rationale Sprache. Somit würde ein größerer Beitrag für die säkulare Öffentlichkeit geleistet werden, wodurch auch religiöse Argumente in einer gemeinsamen Sprache kommuniziert werden. Diesen Prozess stellt sich Habermas jedoch problematisch vor, weil insbesondere Glaubensaussagen schwer zugänglich sind und die Trennung zwischen Glauben und Wissen ebenfalls nicht einfach separiert werden können. Habermas gesteht religiösen Aussagen ihren kognitiven Gehalt. Weder die säkulare noch die religiöse Argumentation sollten für die Gesellschaft absolute Geltung beanspruchen. In seiner Diskussion mit Joseph Ratzinger scheint Habermas der Religion eine größere Rolle beizumessen als nur Kulturreserve und Vernunftpotential. Die Religion hat nach seiner These der Postsäkularität eine wesentliche Bedeutung, die im säkularen Bereich kulturelle und sinnstiftende Stärke hat, die Gesellschaft stabilisieren  und als individuellen moralischen Kompass fungieren kann. Die weltanschauliche Neutralität des Staates soll nicht so interpretiert werden, dass religiöse Argumente im Staat verdrängt werden sollten, dennoch sei der Zugang religiöser Stimmen in das Programm der staatlichen Institutionen ohne eine gelingende Übersetzung nicht möglich.

Sowie die säkulare Gesellschaft religiöse Sprache in die eigene übersetzen soll, kommt der religiösen Gesellschaft die Aufgabe zu, sich mit der eigenen Sprache/Argumentation fundiert auseinanderzusetzen. Säkulare Kritik sollte antizipiert werden und entsprechend vernünftige Übersetzung erfolgen.

„Das religiöse Bewusstsein muss erstens die kognitive dissonante Begegnung mit anderen Konfessionen und anderen Religionen verarbeiten. Es muss sich zweitens auf die Autorität von Wissenschaften einstellen, die das gesellschaftliche Monopol an Weltwissen innehaben. Schließlich muss es sich auf die Prämissen des Verfassungsstaates einlassen, die sich aus einer profanen Moral begründen.“

So könnte für Habermas ein Integrationsprozess aus religiöser Sicht aussehen, wodurch ein religiöser Fundamentalismus vermieden werden kann, sodass das Zusammenleben im postsäkularen Kontext ermöglicht wird. Nur auf diese Weise kann sich die Religion in der überwiegend säkularen Umgebung behaupten.“ Die Öffentlichkeit ist der Ort dieser dialogischen Begegnung der Religion mit der Gesellschaft und das Ziel ist das “Fortbestehen religiöser Gemeinschaften in einer säkularisierten Umgebung. Der Dialog soll letztendlich Ressentiments auf beiden Seiten beseitigen und einen fruchtbaren Diskurs schaffen, wovon beide Seiten profitieren können.

Habermas erntete Kritik bezüglich seines wachsenden Interesses am Postsäkularismus als Rückzug in den Konservatismus und, dass er damit seine frühere postmarxistische Religionskritik aufgibt, wie es in seiner Theorie der kommunikativen Handlung (1981) zum Ausdruck kommt. Einige sehen seine Verteidigung der “säkularen Vernunft”, die eine bestimmte westliche Tradition zu universalisieren scheint, als ein Symptom des Orientalismus und Postkolonialismus. Seine rechten Kritiker behaupten, dass Habermas’ überrationale Konzeption von Politik das politisch-theologische Erbe außer Acht lässt. Anderseits halten manche Wissenschaftler seine Vision einer postsäkularen Gesellschaft mit ihrer rigiden Unterscheidung zwischen dem Religiösen und dem Säkularen für empirisch naiv, während Rechtsgelehrte sie für zu vage halten, wenn es um konstitutionell-rechtliche Konflikte geht, an denen die Religion beteiligt ist.

Charles Taylor: Religion im säkularen Zeitalter

Die Rolle der Religion verändert sich durch die fortschreitende Trennung zwischen Religion und gesellschaftlicher Ordnung.  Dieser Wandel der Religion wurde relevanter, da sich hieraus neue funktionale und inhaltliche Bezüge zwischen immanentem und transzendentem Bereich ergeben haben, wobei der Bedeutungsrückgang eher für die Öffentlichkeit aber nicht für die Individuen interpretiert werden kann. Nach Taylor kann die Religion verschiedene Rollen innerhalb der Gesellschaft spielen. Diese benennt er wie folgt: Paläo-Durkheimianisch, Neo-Durkheimianisch und Post-Durkheimianisch. In der paläeodurkheimischen Ordnung ist Religion selbstverständlich und kann nicht wirklich hinterfragt werden. In dieser Ordnung bestimmt die Religion alle Bereiche des Lebens. Die Kirche, der man angehört, umfasst die ganze Gesellschaft, sodass die Individuen den integrierenden Zwang der Religion verspüren. Diese Ordnung lässt keine Alternative zu. Der neodurkheimianische Modus hingegen beinhaltet einen „wichtigen Schritt in Richtung Individualität und das Recht auf eigene Entscheidungen“. Die Religion hat nur noch eine fragmentarische Wirkung und muss überzeugen. Die Religion ist nicht selbstverständlich und nicht für alle identitätsstiftend. Die Plausibilität der Religion ergibt sich am ehesten in kleineren Interessensgruppen. Die Religion hat also noch die Aufgabe als eine Legitimationsgrundlage der gesellschaftlichen Ordnung zu dienen und kann gleichzeitig substanzielle Perspektiven anbieten. Bei der postdurkheimischen Ordnung ist Religion gar nicht mehr selbstverständlich, auch nicht mehr für größere Gruppen, sondern entwickelt sich zu einer persönlichen Angelegenheit. Hierbei entsteht eine vollständige Trennung zwischen Religion und gesellschaftlicher Ordnung und damit entsteht eine säkularisierten Gesellschaft, in der die Religion sich ins Private zurückzieht. Diese Idealtypen reichen jedoch nicht immer aus, um bestimmte Phasen oder Gesellschaften zu beschreiben. Unsere Gegenwart sei nicht eindeutig postdurkheimisch,, sondern stehe in einem Wettbewerb mit der neodurkeihimischen Ordnung.

Nach Taylor wurde -ausgehend von der unpersönlichen Ordnung mit einer vorherrschenden humanistischen Perspektive- die religiöse Ausrichtung in Grundzügen verändert. Die religiöse Erfahrung wurde im Alltag verdrängt und durch individuelles Streben dem immanenten Rahmen eingebettet. Die Religion verlor durch die funktionale Differenzierung, die mir der Industrialisierung einherging, ihre gesellschaftliche Stellung als systemübergreifende Instanz der vorneuzeitlichen Ordnung. Die Religion wird in der modernen Ordnung vielmehr als eine funktionale und kulturelle Instanz wahrgenommen.

Die Migration der großen Teile der Bevölkerung aus den ländlichen Kirchengemeinden führte zu einer urbanen anonymen Gemeinde und weiteren Integrationsprozessen. Durch die neuen Umstände entstanden Differenzen zwischen den religiösen Vorstellungen und der religiösen Praxis. Diese Kluft führte zu einem spirituellen Vakuum. Dieses spirituelle Vakuum sollte ersetzt und gefüllt werden, was beispielsweise durch den ausgrenzenden Humanismus oder andere Anbieter geschah. Die damit einhergehende religiöse Pluralisierung in der Moderne brachte weitere Glaubensvarianten mit sich. Taylor bezeichnet dieses neue Spektrum an religiösen Formen als „religiöse Supernova“. Durch die individuelle religiöse Ausrichtung und dem expressiven Individualismus verschwindet die stützende Funktion der Religion und die Trennung zwischen dem immanenten und transzendenten Bereich führt zu einer säkularen Ordnung.

Religion als gesellschaftlicher Teilbereich wird nach Taylor nur noch als Option wahrgenommen. Taylor bemängelt and diesem Zustand, dass die Forderung des Verzichtes, der Askese und die Erfahrung der Fülle nicht mehr erreicht werden können. Die Säkularisierung betrifft also alle Aspekte menschlicher Lebensführung und des Erlebens, somit auch die innere Welt. Die sogenannte Fülle stellt Taylor als einen Sollzustand des Lebens dar. Der Säkularismus sollte also die Religion nicht als ein zentrales Problem verstehen. Wir sollten uns stattdessen auf die Werte „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ konzentrieren und versuchen mit der religiösen Vielfalt der Moderne umzugehen. Im Wesentlichen aber geht es Taylor um die Säkularität, die nicht gegen die Religion agiert, sondern die den Glauben als eine Option annimmt.

Durch die gesellschaftliche Forderung nach Authentizität und Individualismus wurde die Religion in der modernen Ordnung zu einem Epiphänomen, welche nun als eine individuelle Option angeboten wird. Beim steigenden spirituellen Pluralismus haben die Individuen je nach Beschaffung und Bedürfnis eine größere Auswahl zwischen den spirituellen Ausrichtungen, die sich ebenfalls in ihren Anforderungen unterscheiden.

Im nächsten Teil werde ich die Debatte aus dem Jahr 2011 mit den grundlegenden Meinungsverschiedenheiten aufgreifen.